Eintauchen in einen Science-Fiktion-Kosmos

 

Mit der Gemeinschaftsausstellung von Thomas Heyl und Christian Wichmann im alten Gefängnis ist dem Modern Studio Freising ein großer Wurf gelungen.

 

Wichmanns Lichtskulpturen wirken auf den ersten Blick galant, brennen sich jedoch beim zweiten Hinschauen tief ins Gedächtnis und letztlich ins Herz – ihm gelingt die Verschmelzung von visueller Ästhetik und dem Abgrund im Subtext auf grandiose Art.

 

Seine erstmals gezeigt Reihe „Lost Creatures“ leuchtet und beleuchtet gleichermaßen ein Neuzeit-Phänomen: die Wirkung von Plastik auf die Umwelt insbesondere auf die Tiere.

 

Dafür benutzt Wichmann die Mechanismen der Pop-Art-Kunst im weitesten Sinne mit ungewöhnlichen Skulptur-Arbeiten, allerdings sprengt der Künstler sämtliche Vorgaben und damit auch alle Referenzen.

 

Artikel Münchner Merkur vom 14./15.3.2020, von Richard Lorenz


 

Und Wichmanns Geschöpfe aus seiner bei uns erstmals gezeigten Serie "Lost Creatures" (Verlorene Kreaturen) zeigen beides.

 

 

 

Sie sind hinreißend schön in der Eleganz ihrer verfremdeten Formen, der zarten Farbigkeit ihrer milchig-transparenten Körper und der witzig eingesetzten Akzente, seien es Diagucker oder Gießkannen-Siebe. Und schön in ihrem Leuchten von Innen, das sie von Leben durchpulst erscheinen lässt. Aber der Betrachter empfindet bei ihrem Anblick auch Wehmut, Schmerz und Trauer, gerade weil sie so schön sind.

 

 

 

Aber da ist ja vor allem das Wunder der Kunst.

 

Wenn da einer zerschneidet und klebt, mit Bohrern, Sägen, Zangen, Kabeln und Messern hantiert oder ein anderer mit einem Pinsel in Pigmentfarbe rührt oder Schere und Messer einsetzt:

 

 

Es entsteht auf geheimnisvolle Weise etwas, das unseren Blick auf die Welt und uns selbst verändert, uns im Innersten ergreifen und verwandeln kann. Es könnte uns aus dem Netz befreien, in dem Wichmann in seinen beiden Monotypien uns als einzelne Menschen verfangen sieht. In unserer unübersichtlich gewordenen Welt brauchen wir etwas, das unsere Sehnsucht nach unseren wahren Bedürfnissen auf das Wesentliche lenkt. Die Kunst ist der Sauerteig, die Hefe in unserer Gesellschaft, die uns treibt, im Sinne Lessings immer mehr Mensch zu werden und als "zoon politikon" (Aristoteles: Der Mensch als soziales und politisches Wesen) uns als Hüter und nicht Zerstörer der Schöpfung zu sehen.

 

 

 

Auszug aus der Einführungsrede von Frau Helma Dietz, 12.03.2020, Freising

 

 


Reminiszenzen an die Natur

 

Thomas Heyl und Christian Wichmann zeigen Arbeiten auf Papier

 

Verpackt sind diese Überlegungen in ebenso ästhetische wie phantastische Gebilde, die aus allerlei recycelten Materialien bestehen. Mit Gartenschläuchen, Gießkannensieben, Kabelbindern, Eisformen und Acrylglasscheiben fertigt er Körper, die von einem gitterartigen Gewebe umgeben sind, das wie eine durchlässige Haut wirkt. Da sich in diesen Werken nur einzelne, sinnbildlich gesetzte Farbakzente finden, lenkt nichts von denen in sich ruhenden Formen ab. Tot allerdings sind sie keineswegs. Die wie im Naturkundemuseum an der Wand hängenden Exponate werden von Leuchtmitteln, die in ihrem Innern platziert sind, illuminiert, zu neuem Leben erweckt und das auf eine Weise, dass die netzartigen Strukturen auf den Wänden Schatten wie Zeichnungen werfen und die vermeintlich vitalen Plastikkörper mausern sich so zur Metapher für den Ursprung allen Lebens, das bekanntlich aus dem Wasser kommt.

 

Fink, das Magazin aus Freising, Ausgabe 03/2020, 14. Jahrgang

Der Ausstellungstipp von Elisabeth Hoffmann


DeLight

 

Anmerkungen zu den Lichtobjekten von Christian Wichmann

 

Sie sehen aus wie geheimnisvolle wissenschaftliche Apparaturen, wie futuristische Steuerungskonsolen oder phantastische biomorphe Gebilde mit Tentakeln, sie muten wie experimentelle Versuchsanordnungen an, die in ihrer differenzierten, zum Teil durchaus grellen Farbigkeit Messergebnisse in Licht umwandeln.

 

Neben vorgefundenen Objekten, denen er mit weißem oder farbigem Licht Leben einhaucht, entwickelt er zusätzlich Formen, die er in Zusammenarbeit mit der Glashütte Lamberts (Waldsassen) in koloriertem original echt-antikem, im Mundblasverfahren hergestelltem Glas fertigen lässt und in seine Arbeiten integriert. Der Kontrast zwischen robustem, milchig-trübem und fragilem, durchscheinendem Material potenziert die Kraft der Lichtfarben. Die dreidimensionalen Konstruktionen in Verbindung mit Licht greifen, obwohl statisch und ohne zeitliche Lichtmodulationen, Grundgedanken zu Lichttechnik, Architektur und Bühne des am Bauhaus Weimar und Dessau lehrenden Ungarn Moholy - Nagy (1895 -1946) auf und leiten diese konsequent aus der eigenen Auseinandersetzung mit dem malerischen Umgang mit Farbe ab. Weitere Assoziationen an Lichtstimmungen aus Filmsequenzen von Andrei Tarkowski (Stalker), David Lynch (Blue Velvet/ Lost Highway), Wim Wenders (Paris Texas), an amerikanische Leuchtreklamen in Großstädten und an Highways bieten sich bei der Betrachtung und dem physischen Erleben der Lichtobjekte durchaus an.

 

Christian Wichmann entwickelt Lichtobjekte für den Innen- und Außenraum, die räumliche Dimensionen und Helligkeit/Dunkelheit ihres Umfeldes subtil aufnehmen und in Farbenergien umwandeln.

 

Dr. Stefan Graupner, München, November 2014


Zu den Glasarbeiten von Christian Wichmann

 

Ein Zitat aus dem Brief von Herrn Robert Graefrath vom Landesamt für Denkmalpflege in Brandenburg anlässlich der Fertigstellung einer Glasfenstergestaltung über vier Stockwerke im Amtsgericht in Frankfurt – Oder.

 

„ich habe das dringende Bedürfnis, Ihnen mitzuteilen, wie gut mir Ihr Frankfurter Fenster gefällt. Es bereichert den Raum ungemein … Der kühle technische Aspekt, den die Herstellungsweise bedingt, macht eine sehr erfreuliche Wirkung. …. Auch die Farbwerte stehen wunderbar beieinander. Die größte Überraschung für mich waren die transparenten Randbereiche … nun ist mir aber klar, dass das System an „Lichtschlitzen“ dem Ganzen eine bezaubernde Leichtigkeit gibt.

 

Robert Graefrath, 06.10.2012


Zu den Lichtobjekten aus Acrylglas von Christian Wichmann

 

Zitat aus dem Ausstellungskatalog einer Einzelausstellung des Künstlers im Deutschen Medizinhistorischen Museum in Ingolstadt

 

… Spätestens hier wird deutlich, dass sich Christian Wichmann nicht nur für die ästhetische Dimension von ansonsten auf ihren Gebrauchswert reduzierten Alltagsobjekten und deren Transformation in den Kunstkontext oder nicht allein für die künstlerische Auseinandersetzung mit einer medizinischen Sammlung interessiert. Primär geht es ihm um die Entlarvung des Wahrnehmungsakts und um die Übersetzung von Realität in Abstraktion. Der Kosmos, den er mit seinen Arbeiten erschließen will, ist immer ein „räumlicher“, einer dessen innere Ausdehnung unendlich ist.

 

Der von Malern und Bildhauern lange Zeit gleichermaßen erhobene Anspruch auf die Überlegenheit ihrer Gattung und deren gemeinsam gewahrte Distanz zum schnöden Alltagsleben wird bei Christian Wichmann aufgehoben. Für den ursprünglich zum Maler ausgebildeten Bildhauer, ist nicht primär die Form entscheidend, die er bearbeitet oder bemalt, sondern der künstlerische Ausdruck und die metaphorische Korrespondenz mit dem ausgewählten Material.

 

Christian Wichmann ist im besten Sinne des Wortsinns ein umtriebiger Künstler, umtriebig im Sinne einer geistigen und vor allem situativen Beweglichkeit, die in seiner skulpturalen Auffassung von der Ortsbezogenheit der Kunst manifest wird. Ob Innen- oder Außenarbeit, ob Klein-oder Großplastik, ob für ein Bürohaus oder ein Museum – Wichmann reagiert auf jeden Ausstellungsort entsprechend der architektonischen und thematischen Gegebenheiten oder vielmehr ihnen entgegenarbeitend.

 

Dr. Rudolf Scheutle, 03.04.2005


Schichtungen – Skulpturen aus Glas Licht und Farbe

 

Wichmanns Arbeiten lassen Aspekte der psychologischen, pathologischen und psychischen Vorgänge im Menschen anklingen… Die Lichtspiele der in den Werken erscheinenden Strukturen, die Gewebe und Organe erahnen lassen, die Sequenzen aus durchscheinendem Material, das in den Raum hineinragt und in tiefere Schichten zurückführt, übersetzen in makroskopischen Dimensionen das, was sich etwa dem Auge unter dem Mikroskop erschließt: transparente Zellverbände vor farbigen Organellen, fließende Mikroströme in denen sich unterschiedliche Teilchen bewegen.

 

Die Skulpturen Wichmanns, in denen sich gestalterische Kraft mit Zartheit verbindet, verströmen ein geradezu magisches Leuchten, das die Wahrnehmung der medizinhistorischen Gegenstände auf wundersame Weise verwandelt.

 

Prof. Dr. Dr. Habrich, Ingolstadt Dezember 2004


Ein Zauber aus Licht und Farben

 

Hanauer Galerie König präsentiert Werke von Christian Wichmann – Hauch des Außergewöhnlichen

 

… Auch der gezielte Einsatz des Lichts ist kein Zufallsprodukt, da farbiges Licht ein formbarer Körper ist, der einer Skulptur ebenfalls Raum geben kann.

 

Dabei geht es ihm mehr um die Kombination verschiedenster Werkstoffe, als um bloßes bildhaftes Erzählen – eine Herausforderung an den Betrachter, der in Wichmanns Farb- und Formensprache seine eigene Geschichte zu jedem Bild entstehen lassen muss.

 

Galeristin Ursula König darf sich glücklich schätzen, mit Wichmann bereits einen Künstler für ihre Galerie gewonnen zu haben, der inzwischen nicht nur zahlreiche Kunstpreise gewonnen hat, sondern Besuchern darüber hinaus, einen Hauch des Neuen, des Außergewöhnlichen bieten kann: eine Form der Kunst so unkonventionell wie interessant, so plastisch wie zerbrechlich, so lebensnah wie abstrakt.

 

Mafi/df, Frankfurt, 04.03.2003


Pinselmuster auf purem Licht

 

Christian Wichmanns leuchtkräftige Kunst in der Galerie König in Hanau

 

Wer mit farbigem Glas und Licht arbeitet, hat es leicht, Schönes zu erschaffen. Auch Christian Wichmann setzt bei seinen Bildinstallationen, großzügig auf reizvolle Effekte, ohne sich jedoch in solch vordergründiger Wirkung zu erschöpfen. So entstehen vielschichtige Kunstwerke auf mehreren Ebenen, „Überlagerungen“ so auch der Titel der Schau, deren lyrischer Charakter die technische Herkunft der Ursprungsstoffe überdeckt, sie manchmal sogar bis zur Unkenntlichkeit verfremdet.

 

Seine Bildinstallationen beschränken sich nie auf das reine Tafelbild, sie wachsen stets in mehreren Ebenen aus der Wand heraus oder hängen mitten im Raum um als eigenständige, lichtdurchflutete Objekte zu wirken. Je nach Tageszeit, Lichteinfall und Standpunkt bringen sie ständig neue Erscheinungsbilder hervor, an denen man sich kaum satt sehen kann.

 

Regine Seipel, Frankfurter Rundschau, 03.03.2003


Zu den Skulpturen von Christian Wichmann

 

Das plastische Werk von Christian Wichmann tritt mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit seinem Publikum entgegen. Da man nirgends das Gefühl hat, dass bildnerische Formen, die anderswo in anderem Maßstab erprobt worden sind, zur „Kunst am Bau“ umfunktioniert, auf den öffentlichen Raum übertragen, also aufgeblasen, in ihren Dimensionen angepasst wurden.

 

Vergleicht man die plastischen Arbeiten Wichmanns mit dem, was sonst auf dem oft so unerquicklichen Gebiet der „Kunst am Bau“ üblich ist, dann spürt man, dass hier nicht der übliche Bildhauertypus am Werk ist, der knetend, meißelnd, oder schnitzend dreidimensionale Körper formt, die er dann im Galeriezusammenhang  oder aber im öffentlichen Freiraum ausstellt, sondern einer der eine bestehende räumliche oder architektonische Situation aus- und weitergestaltet und dabei seine in der Malerei erworbenen Farberfahrungen als Hauptwirkungsmittel einsetzt.

 

Gottfried Knapp, 06.11.2000